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«Deep State»: «Homeland» light

Die achtteilige Serie von Endor Productions für die Sender der Fox Networks Group über die Abgründe angelsächsischer Geheimdienst ist nicht schlecht erzählt und visuell gut umgesetzt – kommt aber zehn Jahre zu spät.

Cast & Crew

Produktion: Ednor Productions und 6 Degree Media
Schöpfer: Simon Maxwell und Matthew Parkhill
Darsteller: Max Strong, Joe Dempsie, Karima McAdams, Lyne Renee, Anastasia Griffith, Alistair Petrie, Indica Watson u.v.m.
Executive Producer: Sara Johnson, Matthew Parkhill, Hilary Bevan Jones, Alan Greenspan, Helen Flint und Jeff Ford
Max Easton (Mark Strong) lebt ein zurückgezogenes Leben mit seiner reizenden und erfolgreichen Frau und seinen beiden Kindern irgendwo im ländlichen Frankreich. Eigentlich. Denn vor zehn Jahren war Max noch an vorderster Front beim englischen Geheimdienst tätig und als ausgewiesene Koryphäe mit der buchstäblichen Lizenz zum Töten für die besonders heiklen Fälle zuständig: Körperlich und intellektuell imposant wie er ist, hat er vor allem im persisch-arabischen Raum die britischen Sicherheitsinteressen, nun ja, durchgesetzt, bis es ihm nach einem ethisch besonders heiklen Einsatz endgültig reichte. Von diesem Vorleben weiß seine Frau natürlich nichts: Sie denkt, er sei in dieser Zeit Banker gewesen.

Was sie auch nicht weiß: Dass er aus einer früheren Beziehung einen erwachsenen Sohn hat, Harry Clarke (Joe Dempsie). Auch für Max ist dagegen neu, dass Harry in seine Fußstapfen getreten ist und seit einiger Zeit für die MI-6 arbeitet, wie sein ehemaliger Handler George (Alistair Petrie) ihm auseinandersetzt, nachdem er ihn mit einem schaurigen Überfall auf sein Domizil in Frankreich zur Kontaktaufnahme gezwungen hat. Harry sei kürzlich bei einem schiefgelaufenen Einsatz im Iran erschossen worden, führt George die traurige Nachricht weiter aus und liefert gleich noch die vermeintlichen Schuldigen. Max erhält durch die Blume Carte Blanche, um sich zu rächen und gleichzeitig die Unordnung zu bereinigen, die der britische Geheimdienst mit seinem letzten an die Wand gefahrenen geheimen Einsatz angerichtet hat. Win-win. Doch bald werden erste Zweifel gesät, die Georges Ausführungen zumindest in den Details unglaubwürdig machen.

Im Kern führt der Pilot der achtteiligen Koproduktion der europäischen und afrikanischen FOX-Sender drei Handlungsstränge ein: Max Eastons Rückkehr in die aktive, zupackende Geheimdiensttätigkeit samt Folter und Martial Arts, eine Rückblende in die Operation des britischen Geheimdiensts im Iran, an der Harry Clarke substanziell beteiligt gewesen ist, sowie den Plot um Max’ heutige Ehefrau, die nach dem Aufbruch ihres Mannes zu seinen alten Arbeitgebern anfängt, das Haus zu zerlegen, um weitere Leichen in seinem Keller aufzuspüren.

Der politische Rahmen, mit dem «Deep State» seine Handlung umgibt, ist dabei – wie in diesem Genre heute üblich – aus den Schlagzeilen gerissen und ergießt sich in prinzipiell plausible und zumindest für Pessimisten realistisch klingende Szenarien: Die iranische Regierung umgeht klandestin das jahrelang mühselig verhandelte Abkommen mit Russland und dem Westen und baut fleißig an seinen Atombomben. Die britischen und amerikanischen Geheimdienste liquidieren deshalb Stück für Stück die Wissenschaftler, die daran arbeiten, und die Finanziers, die dafür die Gelder beschaffen.

Zumindest in politischer Hinsicht ist «Deep State» aber deutlich weniger ambitioniert als das sowohl produktionsästhetisch als auch erzählerisch vergleichbare «Homeland», die Mutter aller politischer Geheimdienstserien: Denn während «Homeland» zumindest in seinen frühen Staffeln konsequent durchaus naheliegende Allegorien auf den Ist-Zustand zeigt (mit ein paar ausschmückenden Ausflügen ins Abstrusere), wählt «Deep State» einen freieren, loseren Bezug zum Tatsächlichen. Gleichsam ist Hauptfigur Max Easton auch das psychologisch weniger interessantere Untersuchungsfeld als die manisch-depressive getriebene Carrie Mathison, was sich schon am emotionalen Hook zeigt, der sie in ihr jeweiliges Handlungsgerüst zwingt: Während Carrie Mathison ihren Beruf aus einem komplexen, über die Jahre eingehend betrachteten Geflecht aus Gründen ausübt, die vom Ethischen über das Patriotische bis hin zum Psychologisch-Neurologischen reichen, ist die emotionale Verbindung von Max Easton zu seiner Rückkehr in die Geheimdiensttätigkeit psychologisch wie erzählerisch einfacher: Er will Rache für seinen Sohn üben und seine Todesumstände genau aufklären.

Wäre «Deep State» vor zehn Jahren gestartet, wäre die Serie eine spannende neue Stimme gewesen und hätte nicht nur in ihrem Genre erzählerisch neue Maßstäbe setzen können. Diesen Fleck hat nun aber schon «Homeland» besetzt, und zwar narrativ ergiebiger wie auch politisch relevanter. «Deep State» bläst in dasselbe Horn, wenn auch psychologisch eine Spur oberflächlicher und in seinen politischen Kommentaren weniger treffsicher: eine zweifellos gut erzählte und sichtlich aufwendig produzierte Serie. Aber anders als «Homeland» keine, auf die man sehnlich gewartet hat.

«Deep State» läuft dienstags um 21.00 Uhr beim FOX Channel.
11.04.2018 10:30 Uhr Kurz-URL: qmde.de/100197
Julian Miller

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Deep State Homeland

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